User-Experience in digitalen Gesundheitsanwendungen: Der entscheidende Faktor für den Therapieerfolg

Digitale Gesundheitsanwendungen versprechen viel: Sie sollen Patient*innen im Alltag begleiten, Therapien wirksamer machen und medizinisches Fachpersonal entlasten. Viele Teams investieren dafür in evidenzbasierte Inhalte, starke Technologie und saubere Prozesse. Trotzdem scheitern digitale Gesundheitslösungen in der Praxis oft an einer einfachen Realität: Menschen nutzen sie nicht regelmäßig.

Genau hier entscheidet sich der Erfolg. Denn nur digitale Gesundheitsanwendungen, die Nutzer*innen gerne und wiederholt öffnen können wirken, d.h. sie erzielen eine hohe Adhärenz. Ohne das bleibt auch der beste Therapieansatz theoretisch.

Wir sehen das immer wieder in Projekten: Wenn eine Anwendung nicht zum Leben, zur Motivation und zu den Bedürfnissen der Zielgruppe passt, verliert sie Nutzer*innen schnell. Das passiert nicht, weil Patient*innen „unmotiviert“ sind, sondern weil viele Produkte den Lebens-Alltag der Nutzer*innen nicht berücksichtigen.

In diesem Artikel geht es deshalb um die entscheidende Frage: Wie gestalten wir digitale Gesundheitsanwendungen so, dass Nutzer*innen sie wirklich gerne und häufig verwenden und damit Therapieziele erreichen? Im Fokus stehen dabei User Experience, Usability, zielgruppengerechtes Design, Nutzerforschung und Digital Patient Empowerment.

Adhärenz bei digitalen Gesundheitsanwendungen: Warum regelmäßige Nutzung alles entscheidet

Adhärenz bedeutet im Gesundheitskontext: Menschen bleiben dran. Sie führen Übungen durch, dokumentieren Symptome, lesen Inhalte, setzen Verhaltenstipps um und integrieren die Anwendung in ihren Alltag. Dafür ist die User-Experience entscheidend.

Bei digitalen Gesundheitsanwendungen entsteht der Unterschied zwischen „installiert“ und „wirksam“ oft in den ersten Tagen. Nutzer*innen entscheiden sehr schnell, ob sich eine Anwendung hilfreich anfühlt oder ob sie als zusätzliche Belastung wahrgenommen wird.

Hohe Adhärenz entsteht, wenn:

  • Patient*innen den Nutzen der Anwendung sofort verstehen
  • die Anwendung leicht bedienbar bleibt
  • die Inhalte relevant und passend wirken
  • die Nutzung sich gut anfühlt, nicht anstrengend
  • Fortschritte sichtbar werden
  • die Anwendung in den Alltag passt

Genau deshalb steht am Anfang jeder wirksamen digitalen Gesundheitsanwendung nicht die Technik, sondern die Perspektive der Zielgruppe.

User Experience im Gesundheitswesen: Warum UX immer subjektiv bleibt

User Experience entsteht im Kopf der Nutzer*innen. Sie hängt von Erwartungen, Stimmung, Vorerfahrung, Gesundheitszustand und Nutzungskontext ab. Im Gesundheitsbereich kommt noch etwas dazu: Viele Menschen nutzen digitale Gesundheitslösungen in einer verletzlichen Situation.

Manche Nutzer*innen kämpfen mit Schmerzen, Angst oder Erschöpfung. Andere fühlen sich unsicher, überfordert oder skeptisch gegenüber digitalen Angeboten. Genau deshalb reagiert die Zielgruppe besonders sensibel auf komplizierte Prozesse, unklare Sprache und überladene Interfaces.

Eine UX, die keine Orientierung bietet, kann in der Realität schnell frustrieren. Und Frust führt direkt zu Abbruch. Deshalb lohnt sich ein Perspektivwechsel: Wir entwickeln nicht für ideale Nutzer*innen. Wir entwickeln für echte Menschen.

Zielgruppenorientierte digitale Gesundheitslösungen: Warum du von den Nutzer*innen aus denken musst

Viele digitale Gesundheitslösungen starten aus einer fachlich starken Idee. Das ist gut. Gleichzeitig entstehen dadurch oft Produkte, die Expert*innen überzeugen, aber Nutzer*innen verlieren.

Zielgruppenorientierung bedeutet:

  • Du kennst Alltag, Barrieren und Motive deiner Zielgruppe
  • Du verstehst, wie Nutzer*innen Entscheidungen treffen
  • Du berücksichtigst Kontext und Situation der Nutzung
  • Du passt Design, Sprache und Interaktion an reale Fähigkeiten an

Das betrifft jede Zielgruppe anders.

Ältere Anwender*innen benötigen oft größere Schrift, starke Kontraste und klare Strukturen. Menschen mit psychischen Belastungen brauchen besonders empathische Sprache, einfache Schritte und eine beruhigende UX. Nutzer*innen mit chronischen Erkrankungen profitieren von kurzen Einheiten und niedrigem Aufwand.

Die zentrale Frage lautet: Was macht die Nutzung für diese Zielgruppe leicht?

Usability und Design für Patient*innen: Was gute Bedienbarkeit wirklich bedeutet

Im Gesundheitsbereich ist Usability nicht nur Komfort. Usability entscheidet darüber, ob Nutzer*innen überhaupt starten, ob sie dranbleiben und ob sie die Therapie korrekt durchführen.

Gute Usability zeigt sich in Details:

  • klare Navigation ohne Umwege
  • verständliche Begriffe statt Fachsprache
  • wenige Klicks bis zur relevanten Funktion
  • konsistente Buttons und Muster
  • sinnvolle Fehlermeldungen
  • barrierearme Gestaltung
  • gut lesbare Typografie

Und ja: Design spielt dabei eine Rolle. Nicht im Sinne von „schön“, sondern im Sinne von verständlich und vertrauenswürdig. Menschen teilen Gesundheitsdaten nur, wenn sie sich sicher fühlen. Ein sauberes, ruhiges Interface kann Vertrauen fördern.

Motivation und Freude bei Gesundheits-Apps: Warum positive Nutzungserlebnisse zählen

Viele Teams zögern bei dem Begriff „Freude“, weil Gesundheit ernst ist. Wir finden: Gerade deshalb brauchen Nutzer*innen eine Anwendung, die nicht zusätzlich belastet.

Eine digitale Gesundheitsanwendung kann motivieren, wenn die Patient*innen wissen, was sie tun sollen, Fortschritt erleben, sich begleitet fühlen und hilfreiche Impulse erhalten.

Das gelingt zum Beispiel durch klare, warme Sprache, realistische Ziele und kleine Erfolgsmomente, die in die Anwendung eingebaut werden.

Wenn Nutzer*innen sich respektiert fühlen, bleiben sie eher dran. Das steigert die Adhärenz und damit den Therapieerfolg.

Nutzerforschung und Usability Testing: Der wichtigste Hebel für digitale Gesundheit

Jetzt kommt der Teil, der in der Praxis oft den größten Unterschied macht: Testen. Und zwar früh.

Viele Probleme erkennst du nicht im Team, weil ihr das Produkt kennt. Nutzer*innen kommen ohne Kontext. Sie klicken, lesen, stolpern und entscheiden. Usabilitytests zeigen dir genau diese Realität.

Unsere Erfahrung aus der Praxis:

  1. Starte früh mit Nutzerinterviews und Usabilitytests
  2. Teste schon mit klickbaren Prototypen, bevor du entwickelst
  3. Wiederhole Tests regelmäßig im Projektverlauf
  4. Nutze die Erkenntnisse aktiv für Iterationen

Du brauchst dafür kein riesiges Budget. Schon ein paar Tests mit echten Nutzer*innen zeigen dir erstaunlich viele Muster.

Iterative Produktentwicklung für DiGA und digitale Gesundheitslösungen: So wird UX wirklich besser

Viele Teams testen einmal kurz vor Launch und hoffen, dass das reicht. Das reicht selten, weil jedes neue Feature und jede neue Content-Struktur neue Hürden erzeugen kann.

Iterative Entwicklung bedeutet:

  • du entwickelst in kurzen Zyklen
  • du testest regelmäßig
  • du verbesserst gezielt
  • du priorisierst nach Impact auf Adhärenz und Nutzen

So verhinderst du, dass du monatelang in eine Richtung entwickelst, die Nutzer*innen später nicht mitgehen.

Gerade bei DiGA und anderen regulierten Produkten lohnt sich das besonders, weil Anpassungen nach Release aufwendiger werden.

Barrierefreiheit und Accessibility in Health Apps: Mehr Nutzer*innen erreichen, Abbruchquoten senken

Accessibility wirkt oft wie ein Spezialthema. In der digitalen Gesundheit ist es Kernqualität. Denn viele Patient*innen leben mit Einschränkungen, temporär oder dauerhaft.

Wichtige Aspekte:

  • ausreichend große Schrift und Buttons
  • starke Kontraste
  • klare Fokusführung
  • verständliche Sprache
  • einfache Eingaben, wenige Schritte

Wenn du Barrierefreiheit von Anfang an integrierst, senkst du Abbruchquoten und erreichst mehr Nutzer*innen. Du stärkst außerdem Vertrauen, weil sich die Anwendung „professionell“ und „für mich gemacht“ anfühlt.

PINK! gegen Brustkrebs PINK Coach App Screen Header

Besonders stolz sind wir auf die PINK! Coach App, eine DiGA, die Frauen vor, während und nach der Brustkrebs-Therapie fundiert unterstützt.

Von der ersten Idee bis zum DiGA-Launch übernahmen wir bei Bornholdt Lee die technische Umsetzung der App.  Dabei sollte nicht nur eine benutzerfreundliche Anwendung entstehen, die Patientinnen im Alltag begleitet, sondern auch die hohen Anforderungen an Datenschutz, Sicherheit und Nutzerfreundlichkeit erfüllt werden.

Das Ergebnis ist eine digitale Gesundheitsanwendung, die Ärzt*innen eine geprüfte App auf Rezept bietet und von Patientinnen häufig und gerne verwendet wird – die hohen Adhärenzwerte sprechen für sich.

Mehr zur „PINK Coach App“

Entlastung des medizinischen Fachpersonals durch digitale Gesundheitsanwendungen: Wann es wirklich funktioniert

Digitale Gesundheitsanwendungen sollen nicht nur Anwender*innen helfen, sondern auch Ärzt*innen, Therapeut*innen und Pflegekräfte entlasten. Das klappt nur, wenn die Anwendung zuverlässig genutzt wird.

Eine gut umgesetzte digitale Lösung kann Routinen übernehmen, Dokumentation vereinfachen, Verlaufsdaten bereitstellen und Patient*innen zwischen den Terminen begleiten und Therapie-Inhalte vertiefen.

Dadurch entstehen Freiräume für persönliche Betreuung und komplexe Fälle. Gleichzeitig profitieren Patient*innen, weil sie mehr Struktur und Unterstützung im Alltag bekommen.

Digital Patient Empowerment: Wie digitale Gesundheitslösungen Patient*innen stärken

Ein Aspekt liegt uns besonders am Herzen: Digitale Anwendungen können Patient*innen nicht nur versorgen, sondern befähigen.

Digital Patient Empowerment bedeutet:

  • Patient*innen verstehen ihre Erkrankung besser
  • sie erkennen Muster und Trigger
  • sie treffen informierte Entscheidungen
  • sie erleben Selbstwirksamkeit
  • sie gestalten Therapieziele aktiv mit

Das funktioniert nur, wenn die Anwendung nicht bevormundet. Sie muss unterstützen, erklären, motivieren und Raum geben.

Wenn Patient*innen Verantwortung übernehmen können, stärken sie ihren eigenen Genesungsprozess. Das ist nicht nur ein schönes Ideal, sondern ein echter Wirkfaktor.

Typische Fehler bei digitalen Gesundheitsanwendungen: Warum Adhärenz oft scheitert

In vielen Projekten sehe ich ähnliche Stolpersteine:

  • Teams entwickeln aus Fachsicht statt aus Nutzersicht
  • Produkte bieten zu viele Funktionen ohne klare Priorität
  • Sprache und Tonalität passen nicht zur Zielgruppe
  • Onboarding überfordert oder bleibt unklar
  • Tests fehlen oder kommen zu spät
  • Iterationen bleiben aus, weil die Roadmap „voll“ ist

Diese Fehler entstehen nicht aus Nachlässigkeit. Sie entstehen aus Zeitdruck, Komplexität und dem Wunsch, alles gleichzeitig zu lösen.

Die gute Nachricht: Du kannst sie vermeiden, wenn du Nutzer*innen konsequent einbeziehst und Adhärenz als Produktziel definierst.

Best Practices für UX-Design in digitalen Gesundheitsanwendungen: Was wir Teams konkret empfehlen

Wenn du nur ein paar Dinge mitnimmst, dann diese:

  1. Denke von der Zielgruppe aus. Nicht von der Featureliste.
  2. Mache Nutzung leicht. Wenige Schritte, klare Sprache, schnelle Orientierung.
  3. Teste früh. Prototypen reichen. Wichtiger als Perfektion ist Lernen.
  4. Teste regelmäßig. UX verändert sich mit jeder Produktentscheidung.
  5. Miss Adhärenz aktiv. Schau dir Drop-offs, Session-Längen und Wiederkehr an.
  6. Gestalte empathisch. Tonalität, Microcopy und Feedback machen einen großen Unterschied.
  7. Integriere Accessibility. Du erreichst mehr Menschen und senkst Abbruchquoten.

So baust du eine digitale Gesundheitsanwendung, die wirkt.

Fazit: Digitale Gesundheitsanwendungen wirken nur, wenn Patient*innen sie wirklich nutzen

Digitale Gesundheitsanwendungen können Therapieprozesse verbessern, Versorgung erweitern und Empowerment fördern. Doch am Ende entscheidet nicht die Featureliste über Erfolg, sondern die Nutzungsrealität.

Hohe Adhärenz entsteht durch eine User Experience, die sich leicht, sinnvoll und unterstützend anfühlt.

Wenn du Nutzer*innen ernst nimmst, früh testest und kontinuierlich iterierst, entwickelst du digitale Gesundheitslösungen, die nicht nur technisch funktionieren, sondern wirklich helfen.

Mehr dazu findet ihr auch in unserem Videopodcast „Design: Nutzen die User*innen die App gerne?“.

Dein Experte

Malte Bornholdt Experte für Digital Health
Malte BornholdtDigital-Health-Experte Bornholdt Lee GmbH

Product Owner, IT-Experte, Digital-Health-Spezialist mit über 20 Jahren IT-Projekterfahrung in der Konzeption und Umsetzung digitaler Gesundheitsanwendungen.

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FAQs

UX ist die englische Abkürzung für „User-Experience“, zu deutsch Nutzererlebnis oder Benutzererfahrung. Es beschreibt das gesamte Erleben von Nutzer*innen im Kontakt mit einem digitalen Produkt, einem System oder einer Dienstleistung. UX umfasst dabei alles, was Nutzer*innen bei der Anwendung wahrnehmen, denken und fühlen.

Einfach gesagt: UI ist das, was Nutzer*innen sehen. UX ist das, was Nutzer*innen erleben. Eine App kann visuell sehr schön sein und trotzdem eine schlechte UX haben, wenn Prozesse kompliziert sind oder wenn Nutzer*innen sich nicht abgeholt fühlen. Umgekehrt kann eine App eher schlicht aussehen und trotzdem eine starke UX bieten, wenn sie klar strukturiert bleibt, Nutzer*innen schnell ans Ziel führt und sich verlässlich anfühlt.

Gerade im Gesundheitsbereich zeigt sich der Unterschied besonders stark. Ein hübsches Layout hilft wenig, wenn Patient*innen die nächste Aktion nicht finden, wenn Texte überfordern oder wenn Abläufe nicht zum Alltag passen. Eine gute UX reduziert Hürden, baut Vertrauen auf und macht Nutzung leicht. Sie sorgt dafür, dass Nutzer*innen dranbleiben, weil sie sich geführt fühlen und Fortschritt erleben.

Am Ende gilt: UI macht den ersten Eindruck. UX entscheidet, ob Nutzer*innen bleiben.

Die DIN EN ISO 9241-210 Norm beschreibt UX als Benutzererlebnis, das durch mehrere Faktoren geprägt wird, genau gesagt die „Ergonomie der Mensch-System-Interaktion“. Dazu zählen die Gestaltung, die Funktionalität und die Leistung eines Produkts.